Liebe und Hass

I
Gold am Anfang
Mutter wie Tochter
Feder in Schönheit
Safran in Farben
spielend am Strand

wohlgestalt
geliebte Gestik
Stimme an Händen

geschürzt verächtlich
weisse Blüten
im glatten Haar

üppige Formen
vergiftende Süsse
angestrengtes Leid

Sapphos Gefährtinnen
alles Rosen, alle

II
Glänzend zu Anbeginn
Bist du wie deine Mutter
Mit einer Feder im Haar
Beim Wohlgeruch des Safrans
Spielst du mit Muscheln

Harmonisch aber dein Körperbau
Deine Gesten verzehre ich
Deine Stimme mit geschickten Händen

Verächtlich bist du da
Mit weissen Blüten im Haar
Dein glattes, feines Silber

Üppig du Sinnliche
Deine Süsse vergiftet
Ohne Begleiterin, angestrengt

Sie alle Gefährtinnen
alles Rosen, alle, der Sappho

III
Deine Augen glänzen im Gegenlicht, seit Anbeginn schaue ich in sie. Bist wie deine Mutter, so sitzend im angenehm frischen Zimmer mit einer Feder im Haar. So lange, wie Safran, sein Duft eindringt. Du dann Muscheln am Meeresstrand aufliest, spielst und dein Begehren mich aufnimmt.

Aber du, harmonisch dein Körper, ansprechend in Gestalt, verzehre ich dich deiner Gesten wegen. Deine resonante Stimme: Sie vermengst du mit redenden Händen. Umgarnst mich.

Ah, verächtlich bist du da, mit der weissen Blüte im Haar, Silber an deiner Haut, glatt, fein und verdriesslich, beschadet seit jeher. Tust du mir weh, verletzt mich.

Üppige Formen, viel helle Ockerfarben, du, Sinnliche, vergiftest mich mit deiner aus­strö­men­den Süsse, anstrengend, leidend, ohne Gespielin. Ziehst du mich hin.

Ihr alle Gefährtinnen seid ihr, alle, alle Rosen meiner Sappho.


Dies auch zu finden im Lyrikgarten.de .

Die Quelle für die eingereichten Gedichte und das Textgedicht ist: H.D. (Hilda Doolittle): Denken und Schauen: 2. The Island. Fragment of Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt und herausgegeben von Günter Plessow, für Ina Schabert, roughbook 016, Urs Engeler Editor, Solothurn, Badenweiler und Berlin, Oktober 2011.