{"id":1104,"date":"2013-02-23T17:37:38","date_gmt":"2013-02-23T16:37:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/?page_id=1104"},"modified":"2019-03-18T11:42:21","modified_gmt":"2019-03-18T10:42:21","slug":"wie-der-text-entsteht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wie-der-text-entsteht\/","title":{"rendered":"Wie die Texte und Projekte entstehen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Der K\u00fcnstler ist nie allein; sein Tagwerk h\u00f6rt nie auf, und weil er das lebhaft f\u00fchlt, kommt er sich im allgemeinen, was er auch tun mag, berechtigt, ja sogar, m\u00f6chte man sagen, geadelt vor, geadelt durch unaufh\u00f6rliche innere Munterkeiten, und er tritt ruhig, vielleicht manchmal sogar ein wenig schlapp auf, im Gef\u00fchl, dass &lt;es&gt; nie aufh\u00f6rt, als sage er sich: &#8222;Die Guten! Sie sollen sich nur drehen und wenden. Was wissen sie von dem Sturm, von der Glut und Wut des stetigen Aufgewecktseins?&#8220;<br \/>\n<i>Robert Walser<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Die Zeit<\/strong><br \/>\nGedichte zu schreiben ist eine Besch\u00e4ftigung, von der ich nicht \u00fcberleben k\u00f6nnte, aber lebe. Ich schreibe Gedichte und die Zeit schreibt mit. Ich spiele freie improvisierte Musik und sie spielt mit. Brauche ich sie im Lehrberuf, dann braucht sie mich. Dr\u00e4ngst du die Zeit, so dr\u00e4ngt sie dich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Schreibens habe ich sie also dazu gebracht sich auszudehnen &#8211; im Stillen, im Raum, am Holztisch, auf dem Arbeitsstuhl. Also sitze ich nun wieder im Atelier an meinen Texten und vor den Buch- und Heftausgaben f\u00fcr Literatur, Lyrik und Sprechtechnik.<\/p>\n<p>An diesem Ort zu dieser Zeit entstehen die Gedichte auf dem erst leeren Blatt; errungen, erk\u00e4mpft oder federleicht notiert &#8211; auf dem Papier fixiert. Dann erst setzt die Bearbeitung ein.<\/p>\n<p><strong>Die Entstehung<\/strong><br \/>\nViel Zeit braucht dieser Vorgang schon, denn vielleicht werden ja die n\u00e4chsten zehn Varianten erst Jahre sp\u00e4ter entstehen &#8211; oder aber schon zehn Minuten nach dem Beginn des Schreibens; eben noch in Tinte auf Papier, direkt digital in OpenOffice oder im Internet auf dem Blog. So ist es nur konsequent, dass die Lyrik von ihrer Erstehung selbst handelt; wie in <em>Gedichte Textgedichte<\/em>:<\/p>\n<p>rege<br \/>\nhin und her<br \/>\nim netz der eigenen und<br \/>\nfremden Gedanken<br \/>\nim teichohr<br \/>\nliebe ich dich<\/p>\n<p>also<br \/>\nschreibst texte in gedichte,<br \/>\ngedichte und texte, sinnst<br \/>\nnach und webst,<br \/>\nverkn\u00fcpfst buchstaben,<br \/>\nl\u00f6st worte auf,<br \/>\nf\u00e4rbst ein, kochst, liest<br \/>\nden satz<\/p>\n<p>In der Bearbeitung nun werden aus den Gedichten die sogenannten Textgedichte. So genannt m\u00f6chte ich sie wissen: Einzelne W\u00f6rter verquicken sich mit Varianten, entwickeln sich, dehnen sich zu einem Ultrakurztext in poetischer Form. Ich schreibe keine Erz\u00e4hlungen und keine Romane; ich bin kein Schriftsteller &#8211; ich bin Lyriker und somit Kurzstreckensprinter.<\/p>\n<p>Im Internet ist dieser kreative Prozess des Schreibens auf dem Blog am ehesten nachvollziehbar. Hier entstehen diese Textgedichte als Kommentare zu den urspr\u00fcnglichen Gedichten; <a href=\"http:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/?page_id=2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">aus Gedichten werden Textgedichte.<\/a><\/p>\n<p><em><strong>Das erste Gedicht<\/strong><\/em><br \/>\neben h\u00f6rte ich noch ein Geraune<br \/>\naus stimmen ert\u00f6nten<br \/>\nlettern im Strom<br \/>\ndie Gedanken geben<br \/>\nw\u00f6rterlang das neue<\/p>\n<p><em><strong>Das zweite Gedicht<\/strong><\/em><br \/>\nkonnte ich denn in den dunklen augen der erinnerten<br \/>\ndie stimme erh\u00f6ren, die klang, als ob sie<br \/>\nmir aufgeschrieben w\u00fcrde im reden<br \/>\nzur\u00fcckgeben die bilder<br \/>\nin der neuen schrift, die ich mochte<\/p>\n<p><em><strong>Das Textgedicht<\/strong><\/em><br \/>\nvage mochte ich mich erinnern an die \u00fcberbleibsel der stimmen<br \/>\nim ausdruck der erinnerten<br \/>\nklangen sie im ged\u00e4chtnis widerhallten im raum der erinnerung und<br \/>\ngaben sie sich frei<br \/>\naufgeschreiben notiert w\u00e4hrend des redens in lettern in bildern<br \/>\nwas aufgrund der schrift<br \/>\ndie buchstaben in w\u00f6rtern waren von neuem<br \/>\ngemocht geliebt gebraucht<br \/>\n[&#8230;]<\/p>\n<p><em><strong>Das dritte Textgedicht<\/strong><\/em><br \/>\nLicht-Sonar<br \/>\nausschliessend in silhouette fasste ich den sog nach den<br \/>\n\u00fcberbleibseln der noch klingenden stimmlaute, die pr\u00e4sent<br \/>\nsind im erinnerungsgef\u00e4ss; das anklingen gelingt im<br \/>\nged\u00e4chtnis erfasstem hin und her ungehalten im takt<br \/>\nungehindert im freien; ich erahnend ihren ausbruch im<br \/>\ninnehalten kommen sie hervor, geworfen auf die leinwand,<br \/>\ntransparente textfolie, magisch aus dem wasser aufgetaucht<br \/>\nund durchleuchtet.<\/p>\n<p><strong>Die Musik<\/strong><br \/>\nIhren Ausdruck finden die Gedichte vor allem an Konzerten, in denen der Text zusammengestellt, verarbeitet, vorgetragen und erlebt wird. Ohne Publikum w\u00fcrde denn ein anderes Projekt realisiert; wir \u00fcben wie Jazzer, die erst auf der B\u00fchne alles geben, befassen uns etwa mit der Malperspektive, \u00fcberlegen die Projektm\u00f6glichkeiten, tauschen Ideen aus. Es gilt, sich immer m\u00f6glichst \u00e0 jour zu halten, was die eigenen Spielm\u00f6glichkeiten betrifft; sonst verl\u00f6ren sich die Ausdrucksmittel sp\u00e4ter w\u00e4hrend der Improvisation.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re aber all der Text und die Musik ohne Leser- und Zuh\u00f6rerschaft? Ohne sie best\u00fcnde alles nur f\u00fcr sich alleine. Sie sind es, die zuh\u00f6ren. Sie lesen die Gedichte.<br \/>\nSo wie alles Leben einfliesst beim stillen Schreiben &#8211; wie im Band <em>Das Cello spielend verlieren<\/em> &#8211; so entsteht Leben im Zusammenspiel w\u00e4hrend des Konzerts. Da passiert der \u00dcbergang vom stillen Schreiben und \u00dcben zum \u00f6ffentlichen Entstehen von Text in, mit und an der Musik. Ein Konzerthappening; eigentlich ein recht urspr\u00fcnglicher Entstehungsvorgang.<\/p>\n<p><strong>Keine Schranken<\/strong><br \/>\nMeist kommen wir in experimentellen Kunstr\u00e4umen zusammen. Diese R\u00e4ume sind die besten, weil sie uns nicht nur den Raum geben, sondern uns auch gestalterische Freir\u00e4ume lassen.<br \/>\nAm letzten Treffen waren Eric Ruffing, Per\u00adkus\u00adsion, der Zeichner Markus Clauwaert und ich als Sprecher an Keyboard, electronics und Fl\u00fcgel als Improvisatoren dabei. Die improvisierte Musik kennt also keine Schranken der Disziplinen. Sie gr\u00fcndet so\u00adgar auf dieser Verschiedenheit der am gemeinsamen Erleben und Entstehen Beteiligten &#8211; das Publikum mit eingeschlossen.<\/p>\n<p>Dabei stellt sich immer wieder die Herausforderung des gegenseitigen Einwirkens. Die im ganzen Konzert gegenw\u00e4rtige Herausforderung ist also, in diesem Fall die Gedichte beim Lesen, am Keyboard mit dem Mikrofon, in der Begleitung zur Perkussion, visualisiert auf der Leinwand wirken zu lassen. Dabei sind die einzelnen Improvisateure eigenst\u00e4ndig eingebettet im Ganzen. Es entstehen wunderbar einzigartige Erlebnisse im Einzel- sowie im Zusammenspiel. All dies kann nur im Moment entstehen; die spontanen sind die intensivsten. Die Menschen reagieren auf diese Anregungen erstaunt, gefordert, entspannt und schw\u00e4rmerisch, um nur einige Reaktionen zu nennen.<\/p>\n<p>schreiben als tag<br \/>\nwerk, sinn, fall<br \/>\nexperiment in der zeit<br \/>\nex<br \/>\nist das<br \/>\nalles?<br \/>\ndas geschreibe jeden tag<\/p>\n<p>als werk, wozu?, falle auf den textteppich<br \/>\nexperimentiere, fresse zeit, aufgabe, aufgebe nie<br \/>\naus!<br \/>\ndas ist alles?<br \/>\nes ist alles!<\/p>\n<p>mit t\u00f6nen, licht und farbe jeden tag auch wenn nicht mit den augen am<br \/>\nhorizont, sondern an der quelle. das werk beherzigt sein tun im<br \/>\ntextgewebe, geben f\u00fcr minuten stunden im experiment. alles erkl\u00e4rt,<br \/>\nbeschrieben, aus der welt getan. in die welt hinein w\u00e4hrend die ohren<br \/>\nh\u00f6ren auf dem grund, augen aufmerken, die stimme den mund bewegt<br \/>\nzischelnd am blatt noch ganz leise, dann immer lauter.<br \/>\n[&#8230;]<\/p>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlicht in der BFS-Zeitschrift Basel unter der Rubrik &#8222;carte blanche&#8220;.<\/em><\/p>\n<video id=\"video_411898466\" class=\"video-js vjs-default-skin\" width=\"320\" height=\"240\"  controls preload=\"auto\" data-setup=\"{}\"><source src=\"http:\/\/bernik.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/imprimerie.mp4\" type='video\/mp4' \/><\/video><script>var video_411898466 = _V_(\"video_411898466\");<\/script>\n<p>Performance in der imprimerie, Markus Clauwaert (Zeichnung), Eric Ruffing (perc), Bernhard Knab (keyb, voc, p, electr)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"excerpt","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"episode_type":"","audio_file":"","podmotor_file_id":"","podmotor_episode_id":"","cover_image":"","cover_image_id":"","duration":"","filesize":"","filesize_raw":"","date_recorded":"","explicit":"","block":"","footnotes":""},"class_list":["post-1104","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1104"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1104\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bernik.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}